Zwischen Nähe, Verantwortung und dem Mut, hinzuschauen

Es sind selten die lauten Momente. 
In meiner Arbeit waren es oft die leisen. Ein Zögern. Ein Blick. Ein Satz, der nicht ausgesprochen wurde.

In meiner Tätigkeit als Inhaberin einer Präventions- und Meldestelle habe ich erfahren, dass Prävention nicht bei Formularen beginnt. Für mich begann sie dort, wo Menschen sich getraut haben, etwas zu benennen, ohne zu wissen, was danach folgt.

Gerade im Kontext von Menschen mit Beeinträchtigungen habe ich erlebt, dass diese Schwelle hoch ist. Nähe gehört zum Alltag, ebenso Unsicherheiten, Abhängigkeiten und unterschiedliche Wertvorstellungen. Die Balance zwischen Schutz und Selbstbestimmung zeigte sich für mich als anspruchsvoll und sie verlangte vor allem Ruhe, Klarheit und Verantwortung.

Ein Satz, der meine Arbeit immer begleitet hat, war: Eine Meldung ist keine Anzeige. Für mich bedeutete das: Eine Meldung ermöglicht zuerst Hilfe.

In meiner Praxis habe ich insbesondere bei Themen wie Sexualität und Nähe beobachtet, dass Unsicherheiten entstehen können. Fragen tauchten auf wie: Was ist Ausdruck von Selbstbestimmung? Wo beginnt eine Grenzverletzung? Und inwiefern spielen eigene Ängste oder persönliche Wertehaltungen eine Rolle in der Einschätzung?

Ich habe dabei erlebt, dass Grenzverletzungen nicht zwingend aus Absicht entstanden sind. Häufig standen Unsicherheit, Angst oder fehlende Orientierung im Vordergrund. Eine Meldung eröffnete dann keinen „Fall“, sondern einen Raum zum Einordnen, Klären und Verstehen.


Meine Rolle war für mich stets klar. Ich entschied nicht. Ich sanktionierte nicht. Meine Aufgabe war es, zuzuhören, zu begleiten, zu strukturieren und den Rahmen zu halten.

Herausfordernd war es für mich dort, wo Fachpersonen Mühe hatten nachzuvollziehen, weshalb die Selbstbestimmung eines Klienten gestärkt wurde, obwohl dies ihrer persönlichen Haltung widersprach. In solchen Situationen ging es für mich nicht um richtig oder falsch, sondern um die Klärung von Rolle, Auftrag und persönlicher Wertehaltung. Diese Klarheit habe ich als entlastend erlebt, sowohl für Fachpersonen als auch für Klient:innen und die Institution.


Was mich in meiner Arbeit immer wieder beeindruckt hat, war der Mut der Menschen, eine Meldung zu machen. Klient:innen, Eltern und Fachpersonen wuchsen über sich hinaus, weil sie die Erfahrung machten, gehört zu werden und ernst genommen zu sein.

Gerade Klient:innen erfuhren dadurch aus meiner Sicht, dass sie Rechte haben und dass Selbstbestimmung kein abstrakter Begriff ist, sondern im Alltag gelebt werden kann.

Aus meiner Erfahrung braucht eine wirksame Präventions- und Meldestelle vor allem Präsenz, Sicherheit, Augenhöhe und Verständlichkeit. Prävention verstand ich dabei nie als Kontrollinstrument, sondern als gemeinsame Haltung.


Ein Miteinander, das anerkennt, dass auch unser Klientel Rechte hat und ein Recht auf Selbstbestimmung. Und dass Fachpersonen unsicher sein dürfen, solange sie nicht alleine bleiben. Für mich wirkt Prävention dort, wo Menschen sich trauen hinzuschauen und wo Strukturen Halt geben, ohne zu überfordern.