Der Mittelfinger am Mittwochmorgen 

An einem Mittwochmorgen kam eine junge Frau, die ich begleitete, früh zu mir ins Büro. Sie war gut gelaunt, klopfte an die Tür und fragte freundlich, ob ich kurz Zeit hätte. 

Ich liess sie eintreten und bat sie, am Besprechungstisch Platz zu nehmen. Kaum hatte sie sich gesetzt, sagte sie sehr direkt: „Andrea, du musst mir helfen. Ich habe ein Problem.“ 
Sie wirkte ernst. So ernst, dass ich sofort merkte, dass sie auf meine Reaktion wartete. Also fragte ich nach, was sie beschäftige. 

Ohne zu zögern zeigte sie mir ihre rechte Hand, ballte sie zur Faust und streckte dann ganz bewusst den Mittelfinger aus. Anschliessend erklärte sie mir ruhig und klar, weshalb sie da war. Wenn jemand etwas sage oder mache, das sie blöd finde oder nicht möge, zeige sie oft sofort diesen Finger. Und das wolle sie nicht mehr. 

Sie erklärte mir auch warum. Sie möge es selbst nicht, wenn man ihr diesen Finger zeige. Und sie habe gemerkt, dass sie damit andere verletzen könne. Traurig machen. Wütend. Oder zurückweisen. Dabei sei das, was die andere Person gesagt oder gemacht habe, oft gar nicht böse gemeint. Manchmal sei es einfach Interesse gewesen, etwas mit ihr zu machen, ihr etwas zu zeigen oder zu erzählen. 

Dieser Moment hat mich sehr berührt. Nicht wegen des Mittelfingers. Sondern wegen der Klarheit, mit der diese junge Frau ihr eigenes Verhalten reflektierte. Und wegen ihres Mutes, Verantwortung dafür zu übernehmen und aktiv nach einer Lösung zu suchen. 

Gemeinsam machten wir uns daran, Alternativen zu finden. In einfacher Sprache und mit Unterstützung von Piktogrammen überlegten wir, was ihr im Alltag helfen könnte. Welche anderen Möglichkeiten sie habe, wenn sie gerade keine Lust auf Kontakt habe oder sich etwas für sie nicht gut anfühle. 

Die Ideen kamen von ihr. Sie könne sagen, dass sie im Moment keine Lust habe. Oder dass sie später reden möchte. Wenn jemand sie in ihrem Zimmer besuchen wolle, könne sie ein Schild an die Tür hängen mit „Bitte nicht stören“. Wir hielten alles mit Piktogrammen fest, damit sie sich die Bilder jederzeit anschauen und die Lösungen abrufen konnte. 
Mit der Zeit gelang es ihr immer besser, auf diese Alternativen zurückzugreifen. Der Mittelfinger wurde seltener. Nicht, weil er verboten wurde. Sondern weil sie andere Ausdrucksmöglichkeiten gefunden hatte, die zu ihr passten. 

Für mich war diese Begegnung ein schönes Beispiel dafür, was entstehen kann, wenn Menschen ernst genommen werden. Wenn man hinschaut, zuhört und gemeinsam Lösungen entwickelt. Und wenn auch scheinbar kleine oder „unangenehme“ Themen Raum bekommen dürfen. 

Manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo jemand den Mut hat zu sagen:
Ich habe ein Problem. Und ich möchte etwas daran ändern.