Wenn Helfen zur zweiten Verletzung wird
Eine Jugendliche in einem Wohnheim erzählt Fachpersonen ein Erlebnis. Sie schildert, was sie erlebt hat. Mit ihren Worten. Aus ihrer Wahrnehmung.
Und dann passiert etwas, das häufiger vorkommt als wir denken.
Die einen Fachpersonen wollen die Wahrheit herausfinden. Sie fragen nach. Immer genauer. Immer tiefer. Die andere Fachperson ist getriggert. Sie erkennt in der Geschichte etwas, das sie selbst kennt. Und handelt, nicht aus der Fachrolle heraus, sondern aus der eigenen Geschichte.
Niemand hält inne. Niemand deeskaliert.
Emotion und Haltung – ein Unterschied, der zählt
In der Facharbeit mit Menschen begegnen uns Geschichten, die berühren. Die wütend machen. Die an eigene Erlebnisse erinnern. Das ist menschlich. Und es ist in Ordnung.
Was nicht in Ordnung ist: wenn diese Emotion zur Grundlage fachlichen Handelns wird.
Fachpersonen sollten darauf geschult sein, genau diesen Unterschied zu kennen und entsprechend zu handeln. Das ist kein Vorwurf – es ist eine Anforderung an Ausbildung, Supervision und Organisationskultur.
Im privaten Umfeld gelten andere Massstäbe. Aber wer professionell mit vulnerablen Menschen arbeitet, trägt eine besondere Verantwortung.
Was in diesem Moment gebraucht worden wäre
Nicht sofortiges Handeln aus dem Bauch heraus.
Sondern: einen Schritt zurück. Eine ruhige Einschätzung. Das Einbeziehen von Fachstellen, die genau für solche Situationen ausgebildet sind.
Deeskalation ist keine Schwäche. Sie ist eine der anspruchsvollsten Kompetenzen in unserem Bereich. Und sie setzt voraus, dass ich weiss: Was ist meine Reaktion, und was ist die Situation?
Was bleibt
Eine Person, die sich getraut hat zu sprechen, braucht in diesem Moment eines: gehört zu werden. Ohne Bewertung. Ohne Projektion. Ohne die Last der eigenen Geschichte der Fachperson.
Genau das beschäftigt mich. Nicht als Vorwurf.
Sondern als Frage: Wie gut kennen wir eigentlich den Unterschied zwischen unserer Emotion und unserer Haltung?