Wenn einfache Antworten Sicherheit versprechen
In den letzten Tagen habe ich die Berichterstattung über einen Fall in Winterhur und Bern verfolgt, bei dem ein Betreuer in einer Kita mehrere Kleinkinder missbraucht haben soll.
Solche Nachrichten erschüttern. Sie machen betroffen, wütend und verunsichern. Besonders Eltern, aber auch Fachpersonen.
Gleichzeitig habe ich in den sozialen Medien viele Reaktionen gelesen. Unter anderem Aussagen, dass Männer grundsätzlich nicht in Betreuungsberufen mit Babys und Kleinkindern arbeiten sollten. Solche Forderungen machen etwas mit mir.
Nicht, weil ich die Angst dahinter nicht verstehen kann. Sondern weil ich erlebe, wie schnell komplexe Situationen auf einfache Antworten reduziert werden.
Wenn aus Angst Vereinfachung wird
Ich kann gut nachvollziehen, dass solche Ereignisse ein Bedürfnis nach Sicherheit auslösen.
Dass Eltern sich fragen, wie sie ihre Kinder schützen können. Und gleichzeitig stelle ich mir die Frage:
Ist es wirklich das Geschlecht, das Sicherheit gibt?
In meiner Arbeit begegne ich vielen Männern, die im Betreuungsbereich eine sehr achtsame, reflektierte und professionelle Arbeit leisten. Genauso wie ich weiss, dass Grenzverletzungen nicht an ein Geschlecht gebunden sind.
Auch aus meiner eigenen Erfahrung als Mutter kann ich sagen, dass mein Kind bereits ab dem fünften Lebensmonat bis zum Kindergarteneintritt regelmässig eine Kita besucht hat, in der sowohl Frauen als auch Männer als Bezugspersonen tätig waren. Für mich standen dabei nie das Geschlecht im Vordergrund, sondern die fachliche Haltung, die Präsenz und die Professionalität der einzelnen Personen.
Wenn wir beginnen, Verantwortung auf eine Gruppe zu verschieben, entsteht vielleicht kurzfristig ein Gefühl von Kontrolle.
Langfristig verlieren wir jedoch den Blick auf das, worum es eigentlich geht.
Wo ich das eigentliche Problem sehe
Mein inneres „Nein“ kam nicht aus einer Meinung heraus, sondern aus meiner Erfahrung.
Ich erlebe in der Praxis immer wieder, dass Schutzkonzepte vorhanden sind, aber im Alltag nicht regelmässig überprüft werden. Dass Schulungen zu wenig Raum bekommen. Dass Unsicherheiten im Team bestehen, gerade bei Verdachtsmomenten.
Ich erlebe auch, dass Fachpersonen zögern, eine Meldung zu machen. Aus Angst vor Konsequenzen.
Aus Unsicherheit, ob sie richtig handeln. Oder weil unklar ist, wohin sie sich wenden können, insbesondere dann, wenn Hierarchien oder Leitungsstrukturen selbst betroffen sein könnten.
Hier sehe ich den eigentlichen Ansatzpunkt.
Was aus meiner Sicht wirklich schützt
Schutz entsteht nicht durch Ausschluss. Schutz entsteht durch Strukturen, die im Alltag tragen. Dazu gehören klare Zuständigkeiten, regelmässige Schulungen und eine Haltung, die nicht nur auf Papier besteht, sondern gelebt wird. Und es braucht Ansprechstellen, die unabhängig arbeiten können.
Denn eine Meldung ist kein Urteil. Sie ist ein Gefäss, um Hilfe zu ermöglichen.
Was Sicherheit im Alltag ausmacht
Sicherheit entsteht aus meiner Sicht dort, wo Themen besprechbar sind. Wo Unsicherheiten ausgesprochen werden dürfen. Wo nicht aus Angst geschwiegen wird. Und wo Vertrauen nicht bedeutet, etwas für sich zu behalten, sondern gemeinsam Verantwortung zu tragen.
Schutz entsteht nicht durch einfache Antworten. Sondern durch Hinschauen, durch Haltung und durch Strukturen, die auch dann tragen, wenn es schwierig wird.