Können wir das für uns behalten?

Es war eine meiner ersten Erfahrungen mit Grenzverletzungen im Alltag.
Damals arbeitete ich in einem Schülerhort mit Kindern von der 1. bis zur 9. Klasse. Ich war noch jung in meinem Beruf, vieles lernte ich im Tun, im Zuhören, im Dabeibleiben.


An einem Nachmittag spielte ich Pingpong mit einem neunjährigen Jungen. Während wir spielten, begann er mir von seinem Hobby zu erzählen, das er mit grosser Leidenschaft ausübte. Er war talentiert, so talentiert, dass bereits Talentscouts auf ihn aufmerksam geworden waren. Ich hörte ihm aufmerksam zu, spürte seinen Stolz und seine Begeisterung.


Im Laufe des Gesprächs begann er von den älteren Jungs aus seinem Verein zu erzählen. Davon, dass er von ihnen anerkannt werde und dass ihm dieses Dazugehören wichtig sei. Und dann sagte er, fast beiläufig, dass er ab und zu mit ihnen kiffe. Eigentlich finde er das gar nicht cool. Aber er wolle dazugehören.


Ich fragte vorsichtig nach, ob er darüber schon mit seinen Eltern oder der Hortleitung gesprochen habe. Er verneinte sofort. Kurz darauf bat er mich, niemandem davon zu erzählen. Das solle unser Geheimnis bleiben.


In diesem Moment war mir zweierlei sehr bewusst. Ich spürte seine Unsicherheit, seine Angst, etwas zu verlieren, und seinen Wunsch, gesehen zu werden. Gleichzeitig wusste ich klar: Ich darf keine Geheimnishüterin werden.


Ich sagte ihm, dass ich ihn verstehe und dass ich nachvollziehen kann, wie schwierig diese Situation für ihn ist. Ich erklärte ihm aber auch, dass ich ihm nicht versprechen werde, das für mich zu behalten. Was ich ihm versprechen konnte, war, dass ich ihn ernst nehme und dass wir gemeinsam nach einer guten Lösung suchen würden. Einer Lösung, bei der er nicht einfach alles verlieren müsse, was ihm wichtig ist.


Ich hatte den Eindruck, dass er sich zum ersten Mal jemandem wirklich anvertraut hatte. Und mir war zugleich bewusst, dass es meine Verantwortung war, dieses Vertrauen sorgfältig weiterzutragen.


Am nächsten Tag suchte ich das Gespräch mit der Hortleitung. Ich erzählte ihr von der Begegnung, von den Ängsten des Jungen und auch davon, dass ich ihm kein Geheimnis versprochen hatte. Die Leitung nahm mich ernst, hörte zu und reagierte ruhig und klar. Dieses Ernstnehmen gab auch mir Sicherheit. Und genau diese Sicherheit brauchte ich, um den Jungen weiterhin gut begleiten zu können.


Ich informierte ihn darüber, dass die Hortleitung nun Bescheid weiss und dass er sich auch ihr anvertrauen könne. Das war für ihn kein einfacher Schritt. Er hatte grosse Angst davor, dass seine Eltern einbezogen würden. Eine Angst, die ich gut verstehen konnte.

Gleichzeitig war mir wichtig, ihm zu vermitteln, dass die Verantwortung nicht allein bei ihm lag. Durch sein Mitteilen hatte er etwas in Bewegung gebracht. Er hatte Hilfe ermöglicht.


An den weiteren Gesprächen mit den Eltern und an den Abmachungen war ich nicht mehr beteiligt. Aber ich erinnere mich gut daran, wie der Junge in den Tagen danach gelöster und freier in den Hort kam. Er durfte sein Hobby weiter ausüben. Die Eltern werteten es positiv, dass er sich jemandem anvertraut hatte. Und auch im Sportverein wurden Massnahmen ergriffen, um Kinder besser zu schützen.


Diese Erfahrung hat mich geprägt. Sie hat mir früh gezeigt, wie wichtig es ist, zuzuhören, Vertrauen nicht zu missbrauchen und die eigene Rolle klar zu halten.

Manchmal beginnt Prävention genau dort, wo wir ein Geheimnis nicht annehmen, sondern Verantwortung übernehmen.