Zwischen Nähe und Distanz – und dem Raum dazwischen
„Ich bin ein erwachsener Mann. Ich weiss, dass ich eine Behinderung habe. Aber sie hat kein Recht, mit mir zu sprechen, als wäre ich ein kleines Kind.“
Mit diesen Worten begann ein Gespräch, nachdem ein junger Mann aufgrund eines Konflikts auf der Wohngruppe das Gespräch mit mir gesucht hatte. Er erzählte, dass er sich von einer Betreuungsperson nicht ernst genommen fühle. Immer wieder rede sie auf ihn ein, obwohl er ihr signalisiere, dass er das Gespräch beenden möchte. Drehe er sich weg, folge sie ihm und spreche weiter. In solchen Momenten fühle er sich bedrängt. Er wünsche sich, dass man ihn in Ruhe lasse und akzeptiere, wenn er sage, dass er das Gespräch im Moment nicht weiterführen könne.
Ich hörte ihm aufmerksam zu. Nicht, um mir bereits eine Meinung zu bilden, sondern um zu verstehen, wie er die Situation erlebt hatte.
Am nächsten Tag bat mich die Betreuungsperson um ein Gespräch.
Ohne zu wissen, was der junge Mann mir am Vortag erzählt hatte, schilderte sie denselben Vorfall aus ihrer Sicht. Der junge Mann habe sich aufgebracht gezeigt, sei laut geworden und habe sich aufgeblustert. Er habe sich ihr gegenüber verbal abwertend und drohend verhalten. Wenn er das Gespräch abbreche und weggehe, blieben aus ihrer Sicht Konflikte ungelöst. Deshalb versuche sie, im Kontakt zu bleiben und das Gespräch nicht einfach abbrechen zu lassen. Ich hörte auch ihr aufmerksam zu. Nun lagen zwei Schilderungen desselben Vorfalls vor mir. Nicht zwei unterschiedliche Ereignisse.
Sondern zwei Menschen, die dieselbe Situation unterschiedlich erlebt hatten.
Je länger ich beiden zuhörte, desto deutlicher wurde mir, dass ich den Handlungsbedarf weder ausschliesslich beim jungen Mann noch ausschliesslich bei der Betreuungsperson sah. Beide schilderten nachvollziehbar, wie sie die Situation erlebt hatten. Beide handelten aus ihrer eigenen Wahrnehmung heraus. Und gerade dadurch entstand eine Dynamik, in der sich beide zunehmend nicht mehr verstanden fühlten.
An diesem Punkt veränderte sich mein Blick auf die Situation.
Nicht die Frage, wer Recht hatte, stand für mich im Vordergrund. Mich interessierte eine andere Frage. Wo setzt professionelle Prävention in einer solchen Situation eigentlich an?
Beim Verhalten des jungen Mannes? Beim Verhalten der Betreuungsperson? Oder bei der Dynamik, die zwischen beiden entstanden ist?
Im Berufsalltag richten wir unseren Blick häufig auf das Verhalten eines Menschen. Wir überlegen, wie wir auf Grenzverletzungen reagieren, welche Konsequenzen notwendig sind oder wie ähnliche Situationen künftig verhindert werden können. Diese Fragen sind wichtig. Und gleichzeitig frage ich mich, ob Prävention nicht häufig schon früher beginnt.
Vielleicht dort, wo wir bereit sind, beide Perspektiven ernst zu nehmen. Wo wir nicht nur das Verhalten betrachten, sondern die Beziehung, in der dieses Verhalten entstanden ist. Wo wir uns fragen, welche Bedürfnisse aufeinandergetroffen sind und weshalb sich eine Situation Schritt für Schritt zugespitzt hat. Grenzverletzendes Verhalten entsteht nicht losgelöst von Beziehungen. Es entwickelt sich dort, wo Kommunikation, Erwartungen, Bedürfnisse und Wahrnehmungen aufeinandertreffen.
Das bedeutet nicht, Verantwortung aufzulösen oder Verhalten zu entschuldigen. Es bedeutet, Zusammenhänge zu verstehen. Denn manchmal liegt der erste Schritt professioneller Prävention nicht darin, Verhalten zu verändern. Sondern die Dynamik zu erkennen, aus der dieses Verhalten entstanden ist. Vielleicht ist genau das der Raum dazwischen.
Der Raum zwischen Nähe und Distanz. Zwischen Zuhören und Verstehen. Zwischen dem Bedürfnis, eine Situation zu klären, und dem Bedürfnis, sie im Moment verlassen zu dürfen. Ein Raum, in dem professionelle Haltung beginnt.
Reflexionsfrage
Was verändert sich in unserem professionellen Handeln, wenn wir unseren Blick nicht nur auf das Verhalten richten, sondern auf den Raum, der zwischen zwei Menschen entsteht?