Zwischen Bauchgefühl und Verantwortung 

Manchmal gibt es keinen klaren Vorfall.
Kein eindeutiges Ereignis.
Keine Situation, bei der sofort klar ist: Das muss gemeldet werden. 

Und trotzdem ist da etwas. Ein Gefühl, das bleibt. Ein kurzer Moment, der nachhallt.
Ein Verhalten, das sich nicht richtig anfühlt. 


Ich erinnere mich an eine Situation aus meiner Zeit im stationären Suchtbereich. Ich war Mitte zwanzig und hatte Wochenenddienst. Ich war alleine im Dienst, da Sonntag war. Die Klientel bestand grösstenteils aus Männern, viele davon mit Erfahrungen aus dem Straf- und Massnahmevollzug. Ein Teil meiner Aufgabe war die Zimmerkontrolle. Dabei ging es unter anderem darum zu prüfen, ob die Hausordnung eingehalten wird, auch in Bezug auf Bilder oder Inhalte, die drogenverherrlichend, rassistisch oder sexistisch sind. 

Ein Klient hielt sich nicht daran. Ich sprach ihn darauf an und sagte ihm, dass wir später noch einmal in Ruhe darüber sprechen würden. Seine Antwort kam beiläufig. Und traf mich trotzdem. 

Er sagte, er habe sich schon länger gefragt, ob er auch einmal ein solches Bild von mir haben dürfe, um es in seinem Zimmer aufzuhängen. 

Wir sassen zu diesem Zeitpunkt gemeinsam im Essraum. Ich war mit Zehn weitere Männer alleine im Raum. Es wurde plötzlich still im Raum und ich spürte sofort:
Da stimmt etwas nicht. Ich fühlte mich unsicher. Angespannt.

Und gleichzeitig war ich gefordert, ruhig zu bleiben und die Situation zu halten. 

Ich sagte ihm laut und bestimmt, dass wir dieses Thema später besprechen würden und bat ihn, nach dem Essen zu mir ins Büro zu kommen.
 

Heute weiss ich: Allein diese Situation zeigt bereits, wie anspruchsvoll solche Konstellationen sein können. 

Im Büro sprach ich die Situation klar an. Ich machte deutlich, dass ich dieses Verhalten nicht toleriere. Gleichzeitig verzichtete ich bewusst darauf, da ich Wochenenddienst hatte und alleine im Haus war, die Situation unnötig zu eskalieren. Ich kündigte an, dass ich eine Notiz im Journal machen werde und dass solche Äusserungen in Zukunft nicht akzeptiert werden. 


Nach aussen war die Situation damit geklärt. Und trotzdem blieb bei mir etwas zurück. 

Kein „klarer Fall“. Keine eindeutige Grenzüberschreitung im klassischen Sinne. Aber ein Gefühl, dass dies nicht in Ordnung wahr. 


Genau diese Momente sind es, die mich bis heute beschäftigen. 

Momente, in denen Fachpersonen spüren, dass etwas nicht stimmt und gleichzeitig unsicher sind, was daraus folgen soll. Reicht das für eine Meldung? War das schon zu viel? Oder übertreibe ich? 


Zwischen Bauchgefühl und Verantwortung entsteht ein Spannungsfeld. Und genau dort passiert oft eines:
Es wird nichts gemacht. Nicht, weil es egal ist. Sondern weil die Sicherheit fehlt. 


Aus meiner heutigen Perspektive würde ich sagen: Genau solche Situationen verdienen Aufmerksamkeit. Nicht, um Schuld zuzuweisen. Nicht, um zu eskalieren. Sondern um hinzuschauen.

Eine Meldung ist kein Urteil. Sie ist ein Schritt, um Unsicherheit zu teilen, Situationen einzuordnen und Verantwortung nicht alleine tragen zu müssen. 

Sicherheit entsteht nicht erst, wenn alles klar ist. Sondern oft genau dann, wenn auch das Unklare einen Platz bekommt. 


Vielleicht geht es weniger darum, immer sofort zu wissen, was richtig ist.
Sondern darum, nicht alleine zu bleiben mit dem, was sich nicht richtig anfühlt.