"Das ist halt Hans." – Warum wir Dinge oft länger aushalten, als wir sollten

Vor einiger Zeit sass ich während des Mittagessens in einer Institution und beobachtete eine Situation, die mich bis heute beschäftigt.


(Das folgende Beispiel basiert auf einer realen Beobachtung. Zum Schutz der Beteiligten wurden Details verändert.)


Ein Klient ging an einer Mitarbeiterin vorbei und schlug ihr mit der flachen Hand auf das Gesäss. Die Mitarbeiterin reagierte sichtbar irritiert und sagte deutlich: „Nein.“

Der Klient lachte, lief weiter und nahm die Rückmeldung offensichtlich nicht ernst.

Danach ging der Alltag weiter.

Ich suchte kurz darauf das Gespräch mit der Mitarbeiterin. Ich sagte ihr, dass ich die Situation beobachtet hatte und bat sie, dass sie eine Meldung machen soll.

Ihre Antwort kam sofort: „Ach, das ist nur Hans.“ - „Du kennst ihn doch.“ - „Er meint das nicht so.“ - „Das ist halt Hans.“

Ich kenne Hans tatsächlich. Ich kenne auch seine Beeinträchtigung. Und genau deshalb beschäftigt mich diese Situation bis heute.


Denn die Frage ist für mich nicht, ob Hans böse Absichten hatte. Die Frage ist auch nicht, ob jemand bestraft werden sollte.

Die eigentliche Frage lautet: Warum akzeptieren wir in Institutionen manchmal Verhaltensweisen, die wir im privaten Umfeld niemals akzeptieren würden?

Ich fragte die Mitarbeiterin: „Was hättest du gemacht, wenn dir draussen auf der Strasse ein fremder Mann auf das Gesäss geschlagen hätte?“

Sie wurde still. Nach einer kurzen Pause antwortete sie: „Das ist etwas anderes.“

Und genau dort begann für mich die eigentliche Reflexion.


Natürlich unterscheiden sich Situationen. Menschen mit Beeinträchtigungen benötigen oft individuelle Begleitung und Unterstützung beim Erlernen sozialer Regeln, Grenzen und angemessener Verhaltensweisen. Genau deshalb braucht es Fachpersonen. Genau deshalb braucht es Präventionsarbeit. Und genau deshalb braucht es Meldestrukturen.


Was mich an dieser Situation beschäftigt hat, war nicht die Frage nach Schuld. Es war die Tatsache, dass die gesetzte Grenze in diesem Moment keine Wirkung zeigte. Hans lachte und lief weiter. Für ihn schien die Situation erledigt. Für mich war sie das nicht.


Denn wenn eine Person Grenzen nicht erkennt, nicht ernst nimmt oder nicht versteht, dann entsteht ein pädagogischer Auftrag. Dann stellt sich die Frage, wie wir die Person begleiten können. Wie wir sie unterstützen können, soziale Regeln zu verstehen. Wie wir verhindern können, dass ähnliche Situationen erneut entstehen.


Eine Meldung bedeutet deshalb nicht automatisch, dass jemand angezeigt oder bestraft wird.Eine Meldung bedeutet zunächst einmal, dass wir eine Situation ernst nehmen.

Dass wir hinschauen. Dass wir gemeinsam überlegen, was passiert ist und was daraus folgen sollte. Vielleicht braucht die betreute Person eine klare Rückmeldung.

Vielleicht braucht sie zusätzliche Begleitung. Vielleicht braucht das Team eine gemeinsame Haltung. Vielleicht zeigt sich, dass ähnliche Situationen bereits früher vorgekommen sind.

All das wissen wir erst, wenn wir bereit sind, darüber zu sprechen.


In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass Situationen bagatellisiert werden. Nicht aus bösem Willen. Sondern weil Menschen loyal sind. Weil sie ihre Klient:innen mögen. Weil sie ihre Kolleg:innen schützen möchten. Weil sie niemandem schaden wollen. Weil sie Konflikte vermeiden möchten.

Dann entstehen Sätze wie: „Das ist halt Hans.“ - „Er meint es nicht so.“ - „Das war doch nicht schlimm.“ - „Wir kennen ihn doch.“ Diese Sätze sind menschlich.

Und gleichzeitig bergen sie die Gefahr, dass wir aufhören hinzuschauen.


Für mich beginnt Prävention deshalb nicht bei Konzepten, Richtlinien oder Formularen.

Prävention beginnt dort, wo Menschen bereit sind, Beobachtungen ernst zu nehmen und Fragen zu stellen. Nicht um jemanden zu verurteilen. Nicht um jemanden anzuschwärzen.

Sondern um Verantwortung zu übernehmen. Für die betroffene Person. Für die Mitarbeitenden. Und auch für die Person, die die Grenzverletzung begangen hat.

Denn Entwicklung ist nur dort möglich, wo wir bereit sind hinzuschauen.

Reflexionsfrage

Welche Verhaltensweisen würden Sie bei einer fremden Person sofort hinterfragen – erleben aber gleichzeitig, dass sie innerhalb Ihrer Institution längst als „normal“ gelten?

Vielleicht lohnt es sich, genau dort genauer hinzuschauen.